Gifhorner Start-Up Source One recycelt OP-Abfälle für Kliniken

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Walle. Für die Gesundheit ist nichts zu teuer. Lässt sich dieser hehre Anspruch heute noch mit Überzeugung vertreten? Die Kreislaufwirtschaftsexperten von Source One im Gewerbegebiet Waller See von Braunschweig und Landkreis Gifhorn haben eine ökologisch und wirtschaftlich tragfähige Alternative parat. „Wir machen aus Kunststoffabfällen aus Kliniken und Operationssälen hochwertige Recyclate, welche Neuware substituiert“, verspricht Source One-Geschäftsführer Kai Hoyer.

Der Dalldorfer bringt 20 Jahre Erfahrung aus der Kreislaufwirtschaft mit und hat im Juni 2019 mit Partnern das Start-up gegründet, das mittlerweile in 21 Ländern tätig ist und mit 12 Mitarbeitern 11 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Das Klinikabfall-Projekt ist so etwas wie das Flaggschiff der kundenspezifischen Vorhaben in einer Bandbreite von Beratung, Prozessplanung und Materialbeschaffung für nachhaltige Produkte. Source One entlastet mit einer ausgeklügelten Wiederverwertung Klinik- und Klimabilanzen. Damit hat das Unternehmen branchenweit Aufmerksamkeit erregt und steht in der Endrunde des renommierten Recycling-Preises Green Alley Award. Eine Fachjury hatte unter 177 Bewerbern die 20 Finalisten ausgewählt. Die Finalisten werden durch ein Online Voting bestimmt, dass noch für die Allgemeinheit bis zum 15.02.2022 auf der Homepage des Ausrichters geschaltet ist.

Der Anstoß für die Wiederverwertung von medizinischem Verbrauchsmaterial kam aus der Ärzteschaft selbst. Die Universitätsklinik Düsseldorf und das Pius-Hospital in Oldenburg fragten Source One nach einer Lösung für bundesweit 17.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus OP-Sälen. „Die Einwegprodukte werden bislang nach Gebrauch verbrannt“, weiß Kai Hoyer. Dafür tragen die Kliniken hohe Entsorgungskosten. Die Kohlendioxidlast wiegt schwer. Allein die im Projekt verwerteten OP-Abfälle aus Düsseldorf und Oldenburg sparen das Klimagas von 222 Autofahrten zwischen Mainz und Berlin.

Bleiben die hohen Hygieneanforderungen gewahrt?

In den Müll wandern hochwertige Medizinprodukte wie Infusionsflaschen, Schutzmasken, Spritzen und selbst teilweise unbenutzte OP-Bestecke, von denen nur Einzelteile bei einem Eingriff verwendet wurden. Doch was stand der Verwertung bisher im Weg? Die kompromisslosen Hygieneanforderungen im Klinikbetrieb und sogenannte Störstoffe im Materialmix der Produkte. Kai Hoyer nennt vor allem Silikon, das fest mit dem Kunststoff verklebt ist.

Source Ones Antworten: Keime und Bakterien werden in zwei Stufen abgetötet: Erst mit UV-Bestrahlung und dann beim Verflüssigen der Kunststoffe im Vakuum bei fast 200 Grad. „Das Verfahren ist von Mikrobiologen überprüft“, versichert Kai Hoyer.

Für die Sortenreinheit der Kunststoffe setzt Source One auf ein einfaches Ampelsystem zur Vorsortierung. Das Klinikpersonal muss nicht lange nachdenken und wirft Material mit gelben, grünen und blauen Farbpunkten in markierte Öffnungen. Auch das Personal externer Reinigungsfirmen wird einbezogen.

Das Personal muss mitmachen, aber das System ist praxistauglich

Dreh- und Angelpunkt des Systems ist ein Sammelautomat, den Source One Greenlever getauft hat. „Das muss man sich wie einen modernen Automaten zur Flaschenrücknahme vorstellen“, erklärt Kai Hoyer. In diesem Gerät wird der kleine Anteil von Störstoffen gleich abgetrennt. Die unscheinbaren Einwurfboxen werden einfach in den beteiligten Stationen aufgestellt.

Das Sicherheitsniveau ist hoch, beteuert Hoyer, denn: „Wir behandeln das gesamte eingesammelte Material als nicht steril.“ Der aufbereitete Kunststoff steht dann für neue Produkte zur Verfügung. „Das Granulat lässt sich ganz normal in Hockdruck-Spritzgussanlagen einsetzen. Das ist die Königsklasse für Neuware“, schildert Hoyer. Der Verwendung seien keine Grenzen gesetzt. Es könnten also neue Flaschen entstehen, doch ebenso könnte sich ein Kosmetikkonzern den Nachschub für seine Shampoo-Verpackungen sichern.

Auf jeden Fall lassen sich so bereits kostendeckende Marktpreise erzielen, weiß Hoyer. Für die Kliniken entfallen die bisherigen Entsorgungskosten. Ziel sei, dass sie für die Abfälle Geld erhalten. Für Source One ist es ein Geschäftsfeld: „Wir ersetzen ja die Erdöl basierte Neuware in der Produktion durch recycelten Kunststoff.“ Schon plant das junge Unternehmen eine Großinvestition in eine eigene Kunststoff-Recyclinganlage für Kunststoffabfälle in Eicklingen im Kreis Celle.

Von Christian Franz für die „Braunschweiger Zeitung“ (vom 05.02.2022)

 

 

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8. Februar 2022